Am Ende angekommen

Während in Deutschland die Sommerferien begonnen haben, fanden hier die zweiten Runden der Sportolympiaden statt. Im März bereits traten alle Schulen aus dem Bezirk Ayopaya (vergleichbar mit Oberfranken) in allen bekannten Ballsportarten, Leichtathletikdisziplinen und Schwimmen gegeneinander an und die Erst- und Zweitplatzierten qualifizierten sich für die Olympiadas von Cochabamba (vergleichbar mit Bayernebene). Ein Teil dieses Sportereignisses fand bei uns in Independencia statt. Es wurden knapp 2000 Schüler (Independencia hat ca. 3000 Einwohner) aus der ganzen Region erwartet und in allen möglichen kleinen und großen Räumen untergebracht. Das ganze Spektakel begann mit einem Umzug durch das Dorf, an dem alle Teilnehmer und deren Schulorchester „Bandas“ teilnahmen. Versammelt auf dem großen Fußballfeld präsentierte jede teilnehmende Schule noch ihre Miss. Je ein Mädchen präsentierte eine Sportart und versuchte den Preis der Hübschesten und Besten zu erringen.

Die Miss „Fé y Alegría“ (Schule, in der wir assistieren) fuhr mit einem Motorrad als Motocross-Girl ein und gewann den Wettbewerb J Am selbigen Abend fand ein Wettbewerb der Bandas statt. Nachdem alle einen Marsch, ein traditionelles Lied und ein selbstgewähltes Lied gespielt haben, wurde die beste Schulband gekürt und qualifizierte sich so auf Bundesebene.

Die nächsten drei Tage stand das Dorf kopf, alle fieberten den Sportlern hinterher und die Bandas feuerten kräftig an. Apropos anfeuern, wie in amerikanischen High-School-Filmen, haben die Schüler von „Fé y Alegría“ ihre Sportler unterstützt. Da ich keine Ahnung habe, wie man das auf Deutsch nennt, das Bil – den passenden Gesang könnt ihr Euch nur vorstellen J Die deutsche Flagge war auch stets präsent und galt als Erkennungsmerkmal unserer Schule, die auch „Boliviano- Aleman“ (bolivianisch- deutsch) heißt. Unglaublich, was das für ein Event war!

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Bei diesem Trubel hatte natürlich keiner Zeit für Schule oder Kindergarten und ebenso in der darauffolgenden Woche. Denn nun stehen Schulfest, der Nationalfeiertag am 6.August und das damit verbundene Heimatfest an.
Am 02.August ist der Jahrestag von „Fé y Alegría“ und somit der Schule. Leider fiel dieser Tag auf einen Sonntag und so wurde am Montag nachgefeiert. Die Schule verwandeltet sich in eine „Ciudadela“ (erfundenes Wort, abgeleitet von „ciudad“=Stadt). Das Schulgelände wurde zu einer eigenen Stadt, mit eigenem Geld, Polizei, Gefängnis, Kinos, Disko, Casino, Schönheitssalon, Restaurants und Kiosks. Jeder Schüler konnte die echten Bolivianos gegen das Stadtgeld eintauschen und sich dann amüsieren. Das war ein riesen Spaß für alle und das dabei eingenommene Geld wird zur Erweiterung der Lautsprecheranlage verwendet.

Am Dienstag begannen dann auch schon die Vorbereitungen für das Heimatfest. An jedem Haus muss die bolivianische Flagge gehisst werden und die Schüler übten das Marschieren für den Umzug am eigentlichen Nationalfeiertag, dem 6.August. „Hora civica“ fand am Mittwoch statt. Wie schon bei vielen vorherigen Festen trafen sich alle Schüler in der großen Turnhalle, es wurden Hymnen gesungen, Tänze vorgeführt und Reden gehalten. Am Abend fand ein Laternenumzug durch das Dorf statt. Mit aufwendig gebastelten Laternen marschierten die Schulen bis zum Hauptplatz. Dabei trugen die jeweils besten Schüler einer Klasse eine Bolivienscherbe. Die Vor- und Abiturklasse machten besonders auf sich aufmerksam und bauten einen lebensgroßen Helikopter, aus welchen ein Feuerwerk gezündet wurde, und ein Schiff aus Schilf, in welchem zwei Schüler in traditioneller Tracht und mit der Flagge getragen wurden.

Am Nationalfeiertag, dem Donnerstag, wurde zuerst eine Messe in der Kirche gefeiert und danach die drei wichtigsten Hymnen auf dem Hauptplatz gesungen: Nationalhymne, Hymne von Sucre (Hauptstadt) und Hymne auf die Heimat. Danach folgte ein weiterer Umzug durch das Dorf, aber diesmal von allen Institutionen. Angeführt von den Schulen und ihren Bandas marschierten- und ich meine richtig marschieren, die Abiklasse marschiert normalerweise besonders, aber dieses Jahr wurde ihnen der Militärschritt verboten…also doch nur 1,2, 1,2,3…- Hier sind Pauline und ich zuerst mit dem Kindergarten und dann mit dem Centro Social, wo wir wohnen und auch arbeiten, eingelaufen. Auch für diesen Umzug wurde jede Menge vorbereitet: Ein Auto wurde mit allem Bolivien-Drum-und-Dran geschmückt und begleitete den Umzug, Spielzeugautos wurden für den Kindergarten in Bolivienfarben verziert, Luftballons und Anstecker ebenso in den Nationalfarben getragen
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Den letzten Teil der „Feierwoche“ – ein Konzert auf dem Hauptplatz – haben wir nicht miterlebt, denn am Freitag sind wir schon zu unserem Abschlussausflug mit dem Centro aufgebrochen.

Zusammen mit Schwester Verena, Don Enoc- dem zweiten Chef vom Centro- mit seiner Frau, dem Nachtwächter Don Celestino, Don Cristobal- dem Chauffeur- und seiner Frau, Pauline und mir, machten wir uns auf den Weg zu Orangen-, Mandarinen-, Limonen-, Avocado-, Bananen- und Papayabäumen, Cocapflanzen und Klapperschlangen. Ein sechsstündiger Weg voller Berge und Kurven stand uns bevor. Doch bereits nach zwei Stunden Fahrt machten wir einen Stopp in dem kleinen Dorf Pucara auf knapp 4000m. Hier hat Schwester Verena einst eine Schule erbauen lassen und so wurden wir in dieser zu Pellkartoffeln und gekochte Eier eingeladen. Zur Feier des Besuches und weil der Nationalfeiertag noch nicht all zulange her ist, wurde jedem von uns noch ein Brotkranz überreicht.

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Nach abermals 2 Stunden Fahrtzeit hatten wir bereits mehrere Berge und Täler, sowie den Fluss Sacambaya überquert und nahmen unser Mittagessen zu uns, obwohl ich schon gar keinen Platz mehr hatte nach den 7 Kartoffeln in Pucara J Der Sacambaya ist ein großer Fluss, der das „Bundesland“ Cochabamba von La Paz trennt und es wird erzählt, dass in diesem die Goldschätze der Jesuiten vergraben sind. Da wir uns gerade im mehr oder weniger trockenem Winter befinden, ist da nur „wenig“ Wasser und mit den zwei Jeeps konnten wir den Fluss gut passieren, auch wenn es nicht ganz ungefährlich ist, weil sich immer wieder Schlamm absetzt und man so leicht versinken kann. – Es sind schon einige Kühe und auch ein Traktor untergegangen. –

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Am Nachmittag kamen wir in Munaypata an und bevor wir die ersten Orangenbäume bestaunen konnten, wurden wir zu Erdnusssuppe mit Nudeln und Kartoffeln eingeladen und gleich im Anschluss auf den Sportplatz gezogen, wo die „Juegos populares“ (öffentliche Spiele) stattfanden. Auf den Dörfern ist es Tradition, dass nach dem Nationalfeiertag Sportwettkämpfe stattfinden und von der Bürgermeisterei Preise gezahlt werden. Und abermals wurden wir zum Festessen eingeladen. Das haben wir aber höflich eingepackt…

Nun machten wir uns auf den Weg nach Pampa Grande, wo wir das Wochenende über bei einer Familie von ein paar Schülern des Internats blieben.

In Pampa Grande gibt es alle möglichen Früchte, Coca und klares Bergwasser, aber keine Wasserhähne und nur solange Strom, wie die zwei 20x50cm Solarpanelen am Haus ihn produzieren. Da es schon dunkel wurde gab es zum Glück nur noch einen Tee mit Maniok und Avocado. Am Samstag begann der Tag wieder mit Maniok und Kaffee und gleich im Anschluss gab es Nudeln, Kartoffeln und Spiegelei zum Frühstück und die Oma der Familie hat uns dann auch noch einmal zum Frühstück eingeladen. Nun hieß es spazieren gehen, die unglaubliche Landschaft genießen und die Überreste der Inka-Mauern bewundern. Die Inkas bauten einst Mauern, um ihre Felder voneinander abzutrennen und sich vor Tieren zu schützen. Interessant sind ihre Häuser, denn sie haben nur runde Zimmer gebaut.

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Als wir zurückkamen erwartete uns schon das Mittagsessen: Pampaku Bei Pampaku wird in einem Erdloch ein Feuer gemacht und wenn eine richtige Glut entstanden ist, werden Kartoffeln, Maniok usw. direkt in die Kuhle gelegt und mit Bananenblättern und Erde bedeckt, solange bis kein Rauch mehr entweicht. Einige Stunden gart das Essen unter der Erde und dann wird in der heißen Erde nach Kartoffeln gewühlt – echt lecker!

Da wir die Familie mit unserem Besuch von der Arbeit abgehalten haben, haben wir schließlich noch bei der U´chu-Ernte (eine Art Peperoni) geholfen. Nach Einbruch der Dämmerung gab es noch einen Einschlaftee und wir bewunderten beim Cocablätterkauen die Sterne. Man kann sich vorstellen, wie toll die Sterne sind, wenn es ringsherum kein einziges Licht gibt. Am Sonntag brachen wir auch wieder auf nach Hause, natürlich nicht, ohne vorher Maniok und Ei gefrühstückt und eine große Portion Reis und Nudeln als Lunchpaket mitgenommen zu haben. Orangen, Mandarinen und Avocado hatten wir auch im Gepäck, denn von all den Nachbarn gab es ein paar Früchte geschenkt. Oh, ein ganz besonderes Geschenk für die Schwester Verena als Dank von einer Mutter, deren Kind hier im Internat ist, war eine Henne. Mit ihr hatten wir auch schon viel Spaß, denn dieses liebenswürdige Tier meinte, dass es vom Auto abhauen muss und so suchten wir es im Wald.

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Das Wochenende war eine sehr tolle Erfahrung, denn so habe ich das Landleben kennengelernt, habe jede Menge Neues erfahren, gesehen, woher unsere Früchte kommen, die unberührte Natur genossen und viel zu viel gegessen. Apropos Natur: bis vor einem Jahr gab es zu dem Dorf noch keinen Weg für Autos, nur einen Trampelpfad und wenn die Kinder aus dem Dorf nach Hause wollen, nehmen sie ein Auto, das bis in die Nähe des Gipfels des nächstgelegenen Berges führt und müssen dann noch ca. 4 Stunden bergab bzw. zurück dann bergauf gehen. Die Steigung dieses Berges ist enorm und zu allem Überfluss müssen sie auch noch einen Fluss überqueren. Unglaublich, was schon die Kids mit all ihrem Gepäck leisten!

 

So, nun heißt es langsam Abschiednehmen von Bolivien….

 

ich melde mich aber noch ein Mal 🙂

Eure Kira